Nach dem Release des zweiten Majoralbums "Steady Fremdkörper"
stand nun also die "are you ready, steady fremdkörper, GO"-Tour für
Muff Potter an. Zu diesem Anlass hat man dann auch jemand ganz
besonderen für das Vorprogramm eingeladen: Ex-Hot Water Music
Frontmann Chuck Ragan, der mittlerweile alleine und nur mit Akustik-
gitarre und Mundharmonika bewaffnet unterwegs ist, begleitet die
Wahlmünsteranerr auf ihrer kompletten Tour. Von Vorprogramm kann
bei diesem Mann allerdings eigentlich keine Rede sein, hier ist defi-
nitiv der Begriff der gemeinsamen Tour gerechtfertigt.
Wie produktiv Chuck Ragan zur Zeit ist, zeigt schon die Liste seiner
Veröffentlichungen: allein in 2007 gab es ein Studioalbum, ein Live-
Album, einen 7"-Club sowie 5 weitere 7"s bzw. Split-7"s. Das der
Mann mit vollem Herzen bei dem dabei ist was er macht merkte man
seinem Live-Auftritt ab der ersten Minute an. Im Set gab es fast ab-
wechselnd Songs die nur mit Akustikgitarre begleitet wurden und sol-
che bei denen auch noch eine von diversen Mundharmonikas dabei
war. Kein Stück abgehoben und super freundlich kam Chuck Ragan
rüber, die minimale Instrumentation sorgte für eine wirklich persön-
liche Atmosphäre und dafür dass die raue und sehr energiegeladene
Stimme in den Vordergrund trat. Kein wunder, dass das Publikum
rundum begeistert war und sich für jeden Song mit heftigem Applaus
bedankte. Neben einem Hot Water Music Song performte Chuck
Ragan als letzten Song auch noch ein Muff Potter Cover: Bei "See
yourself to the door" kam Nagel mit Fischerhut und Goldjacke auf
die Bühne und man spielte den Song gemeinsam weiter. Ich fragte
mich noch 5 Minuten was Nagels scheiß Outfit sollte, war aber alles
in allem völlig vom Chuck Ragan Auftritt begeistert.
Dann war es gegen 22.15 an der Zeit für Muff Potter. Im Publikum
waren mittlerweile die jüngeren nach vorne gerückt, das Kamp war
für einen Donnerstag ganz gut gefüllt, auf jeden Fall waren ein paar
mehr Leute als beim letzten Auftritt der gebürtigen Rheiner hier.
Nach einem Intro legte man mit "das halbvolle glas des kulturpessi-
mismus", einem der stärkeren Tracks vom schwachen neuen Al-
bum, los und im Publikum tat sich erstmal nix. Auch nach dem zwei-
ten neuen Song "Wunschkonzert" war die Ressonanz eher schwach.
Die "Geht's euch gut?"-Frage wurde (vorsichtig gesagt) recht leise
und zögerlich beantwortet. Bielefeld Rockcity!
Im Publikum kam erstmals Bewegung auf als "Wir sitzen so vorm
Molotow" von der "Heute wird gewonnen, bitte." gespielt wurde. Das
sollte einer Band doch echt zu denken geben, wenn das erste Mal
gefeiert wird, wenn Songs gespielt werden, die ganze zwei Alben zu-
rückliegen. Zur aktuellen Single "Fotoautomat" beschränkte man
sich dann wieder aufs Kopfnicken, bevor für mich das Highlight des
Sets folgte: "Take a run at the sun" und "Placebo Domingo" wurden
direkt hintereinander gespielt. Das waren noch Zeiten!
Doch genug der Melancholie, im weiteren Set fand man zumindest
einee gesunde Mischung aus alten und neuen Songs. Mit "Die Gu-
ten" gab es den besten Song vom neuen Album, mit "Den Haag"
den besten Song vom Vorgänger "Von wegen", mit "Bitter Lemon"
eine aktuelle, gelungene B-Seite und zum Abschluss gingen die
noch zu "Alles nur geklaut" ganz gut ab.
Feinstens war allerdings der folgende Zugabenblock: Auf "Meduzin"
und "Gefühlsbonzentreffen" folgte das Chuck Ragan Cover "The
Boat". Chuck Ragan kam noch einmal auf die Bühne, sang mit und
zog sich nach und nach eine von 6 goldenen Jacken aus. Als aller-
letzten Song gab es dann noch "Steady Fremdkörper". Ich vermißte
vor allem "100 Kilo", das es von den alten Songs sonst immer noch
ins Set geschafft hatte und wunderte mich, dass auch "Punkt 9"
nicht im Set war. Versöhnlich gestimmt machte ich mich auf zum
Merch um mir noch die Chuck Ragan / Muff Potter Split-7" zu holen.
Fazit:
Chuck Ragan war großartig, Muff Potter waren das nur bedingt.
Zwar war der Auftritt der Wahlmünsteraner bedeutend besser als
noch zuletzt im Ringlokschuppen, so richtig gekriegt haben sie mich
allerdings das letzte Mal im Januar 2006 im Forum. Und mit dieser
Meinung stand ich anscheinend nicht alleine, das gesamte Publikum
(auch die Jüngeren) taute nur vereinzelt auf. Die Band bewieß aller-
dings Humor und witzelte gelegentlich darüber wie ruhig es zwischen
den Songs im Publikum war. Soundtechnisch war der Auftritt eben-
falls nicht ideal: zuviel Gesang, zuviel Bass. Die Setlist war hingegen
deutlich ausgewogener und besser als beim letzten Mal, ich kann mit
den meisten neuen Songs einfach nicht viel anfangen und freue mich
dementsprechend über jeden alten Song im Set. Bleibt die Hoffnung,
dass sich die Band ihre Entwicklungsrichtung nach diesen Publikums-
reaktionen vielleicht nochmal überlegt, denn abgesehen von "alles nur
geklaut" wurden die älteren Songs mehr abgefeiert als die Neuen.
Doch das ist wohl mehr die verzweifelte Hoffnung eines Fans der sich
nach den "Boardsteinkantengeschichten"- und "Heute wird gewonnen,
bitte"-Zeiten sehnt und beobachtet wie sich die Band immer mehr von
ihm weg entwickelt... naja: alles in allem immerhin ein Schritt in die
richtige Richtung.
BB
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