Ich war schon länger nicht mehr auf
einem Konzert im Kamp, doch an
Weihnachten hat man ja nix besseres zutun
als sich die Kabarett-Trup-
pe aus Wattenscheid anzugucken. Als wir
um 21.15 Uhr am Kamp an-
kamen gab es erstmal Probleme mit der
Gästeliste, doch als die gelöst
waren konnten wir dann endlich in den
Konzertraum um Emscherkurve
77 zu lauschen.
Und dort gab es gleich die erste Überraschung,
denn es war bereits
brechend voll. Ich hätte 300 Leute
erwartet, geschätzt war knapp die
doppelte Anzahl anwesend: Die Kassierer
haben halt Kultstatus und
spielen so selten, dass auch Leute von
weiter weg sich zu den weni-
gen Konzerten aufmachen.
Emscherkurve 77 durften entsprechend
vor vollem Haus eröffnen und
boten Punkrock für den sich die zwei
Sänger als charakteristisch he-
rausstellten. Thematisch ging es vor allem
um Fußball, was dem Stil
der Oberhausener auch den Namen "Soccercore"
eingebracht hat.
Ich hatte die Jungs vorher noch nie gesehen,
mich hauten sie auch
nicht wirklich vom Hocker, doch da das
Publikum zu 90% aus Kerlen
bestand, von denen ein nicht unerheblicher
Teil nach jedem Song "Bie-
leeeeeefeld" gröhlte, kamen die Jungs
alles in allem doch ganz gut an.
Solider Streetpunk mit Fußballtexten.
Nach ein paar Minuten Umbaupause gab es
dann ein Intro, wie es sich
mittlerweile für einen Headliner
wohl gehört. Dass die Kassierer aber
doch etwas anders sind, zeigte sich direkt
nach dem Intro, denn die
Band sprang nicht auf die Bühne und
legte mit einem Kracher und viel
Rumgepose zum Einstieg los, nein, die
alten Männer kamen einfach
auf die Bühne und erzählten
irgendwas. So kann man jedes Intro sei-
nes Zwecks berauben, es lebe die radikal
abfallende Spannungskurve.
Irgendwann eröffneten die Wattenscheider
dann mit "Besoffen sein"
und sofort war das Publikum da. Passend
zu einem Konzert im Ju-
gendzentrum folgte "Sex mit dem Sozialarbeiter".
Nachdem Sänger
Wölfi mit dem Publikum einen "Sexismus
ist gemein"-Kanonen einge-
probt hatte gab es "Mach die Titten frei,
denn ich will wichsen".
Auch im weiteren Konzertverlauf befanden
sich die Kassierer durch-
gehend jenseits der Grenze des guten Geschmacks
und gaben sich
große Mühe Konventionen zu
brechen. Höhepunkt der ganzen Ge-
schichte war natürlich nicht das
Sänger Wölfi sich entblößte, son-
dern dass Schlagzeuger Volker Kampfgarten
sich einen Arzthand-
schuh anzog und dem Gitarristen Niko Sonnenscheiße
seine Faust
in den Allerwertesten steckte. Der leckere
Handschuh flog anschlie-
ßend ins Publikum und demjenigen
der ihn im Mund wieder brachte
versprach man einen Sachpreis. Guten Appetit.
Für das Ende des offiziellen Sets
sorgten "Haschisch aus Amsterdam"
und "Tod Tod Tod", bevor es im Zugabenteil
noch "Außenboardmotor"
und "Stinkmöhsen- und Fischpimmelpolka"
gab. Ab und an zog sich
mal der ein oder andere aus dem Publikum
auf der Bühne aus und ze-
lebrierte seine Männlichkeit, dann
war Feierabend. Was sagt man da-
zu? Kaberett oder einfach nur asozial?
Der Band traut man das Köpf-
chen zu, dem Publikum größten
Teils nicht. Wobei man auch sagen
muss, dass sich eine ganze Menge Leute
im Publikum befanden, die
nur wegen dem "Skandalfaktor" da waren
und sich das ganze aus sich-
erer Entfernung einfach nur einmal angucken
wollten.
Abschließend kann man sagen, dass
die Kassierer weiterhin mehr als
jede andere Band "Geschmackssache" bleiben.
Wer Bock hat sich an
einer Band die schriftlich hat, dass das
was sie macht Kunst ist, und an
einer Halle voller gröhlender Männer
zu erfreuen, der kann nix falsch
machen. Für mich ist es schon Kabarett,
dass es tatsächlich soviele
Leute gibt, die bereit sind 14 €
für so einen Blödsinn zu bezahlen. Et-
was mehr Kreativität könnte
man sich von den Wattenscheidern aller-
dings wünschen, denn sie Show war
nahezu identisch mit der, die sie
im Vorprogramm von No Fun At All letztes
Jahr in Köln ablieferten.
BB
Zurück zur Startseite