Half Speed Mastering, Firewater
 31.01.04 -  Bielefeld / Forum

Blende auf, Totale: das Zimmer des Berichterstatters. eine Digitalanzeige schaltet
eine Nummer höher, der Radiowecker scheppert ins Leben. Person im Bett sträubt
sich gegen das Erwachen. Eine raue Männerstimme singt, es könnte Tom Waits sein.
Schnitt, nähere Einstellung. Der Berichterstatter sitzt jetzt aufrecht im Bett, mit
schreckgeweiteten Augen.
Der Song heißt "The Man On The Burning Tightrope" und ist das Titelstück der lang
ersehnten neuen CD der New Yorker Band Firewater. Doch die Stimme wirkt aufge-
dunsen, selbstgefällig, studiotechnisch verfremdet. Dazu dieser Zirkusmusiklärm, ein-
fach befremdlich. Kreuzblende. Ein großer Raum, bunte Scheinwerfer, viele Menschen,
Musik viel lauter. Auf der Bühne zappelt Tod A, Bassist und Stimme von Firewater,
ganz real, schlaksig wie eh und je, den weißen Fenderbass im Anschlag. Mit  einer
Mimik, die zwischen Hundeblick und bedrohlich zusammengekniffenen Augen wechselt,
macht er mit knurriger Stimme, die so manchem Glas auf den Grund gegangen ist, sei-
nem Unbehagen an der Welt Luft. Das Befremden des Berichterstatters hält indes noch
ein Weile an: ist er etwa versehentlich bei "Calexico" gelandet? Ein mit Stetsonhut aus
Stroh bewehrter Akkordeonist und eine zweiköpfige Bläsersektion orgeln opulente
Akkorde, wenn sie nicht gerade ein markerschütterndes "Ayayayayyy" anstimmen. Doch
Gemach. Nach und nach kommt das durch, was Firewater auszeichnet: das kreative Zer-
dehnen eines Rockrhythmusgerüsts mittels respektlosen Zugriffs auf die Musik der alten
Welt, Walzer, Balkanfolklore, Klezmer. Zum Texmex ist es da kein zu weiter Schritt.
Ori Kaplan am Saxophon und Dana Leong, der neue superdynamische Posaunist sind ver-
siert auf jedem Terrain, und auch Justin Asher am Keyboard und Akkordeon, der diesmal
den Platz von Paul Wallfisch einnimmt, klingt mit lakonisch-hinterhältigen Melodielinien
typisch nach Firewater, obwohl er optisch so unverschämt gesund-sportlich-gutgelaunt da-
herkommt, dass es zu der Band gar nicht passen mag.
Firewater, zuletzt 2002 angetreten mit einer bläserlosen Besetzung, hat sich neu erfunden auf
der Grundlage von Material, das größtenteils schon bei der ersten Europatour Ende 2000 da
war - das waren Konzerte, die einen nach einem Cocktail aus zynischen Lyrics, düsterer Lo-
serromantik, aggressiver Getriebenheit der Instrumentalisten und furioser Tanzbarkeit völlig
geplättet in die Nacht entließen; die Radio-Bremen Übertragung war vom Sound das rauhste,
was ich bei diesem Sender gehört habe.
 Radikale Umbauten gibt es in der Livemusik von Firewater immer: wenn sich die Band nicht
vor Geschwindigkeit schier überschlägt ("So Long, Superman.", "Dropping Like Flies") schlägt
sie teils gegenüber dem damals Üblichen das halbe Tempo an. Irgendwer muss ja auch im hek-
tischen New York die Langsamkeit predigen. Das tun sie allerdings mit grandioser Wucht, der
knallhart-treffsichere Drummer Tamir Muskat und Bass-Einpeitscher Tod A sind sichtlich in
ihrem Element und das Publikum ist erst nach drei Zugaben voll bedient.
Die CD, deren Auslieferung sich über ein langes Jahr immer wieder verschleppt hat, mag sich
noch warmlaufen - oder verstauben.Für den Kenner wirkt das deplatzierte Perfektionsstreben
und die poppige Eingängigkeit der meisten Stücke ziemlich seltsam, Liebhaber punkigen Spaß-
Folks dürften mit einem Album von "Gogol Bordello" (es gibt hier personelle Überschneidungen)
besser bedient sein.
Bleibt zu erwähnen, dass die runderneuerten "Firewater" auch im Studio zu alter Form aufgelaufen
sind. Auf "Songs We Should Have Written" schlagen sie ihre Zähne in das Fleisch fremder Kompo-
sitionen - obskure aus dem Repertoire der Sinatras oder gar zu bekannte wie "Paint It Black" und
drücken ihnen gewohnt knurrig und verspielt ihren eigenen Stempel auf. Bloß wieder wird auf den
Fanseiten der Veröffentlichungstermin wöchentlich ins Ungewisse hinein korrigiert.

Rainer Schmidt.