Blende auf, Totale: das Zimmer des Berichterstatters. eine Digitalanzeige
schaltet
eine Nummer höher, der Radiowecker scheppert ins Leben. Person
im Bett sträubt
sich gegen das Erwachen. Eine raue Männerstimme singt, es könnte
Tom Waits sein.
Schnitt, nähere Einstellung. Der Berichterstatter sitzt jetzt
aufrecht im Bett, mit
schreckgeweiteten Augen.
Der Song heißt "The Man On The Burning Tightrope" und ist das
Titelstück der lang
ersehnten neuen CD der New Yorker Band Firewater. Doch die Stimme wirkt
aufge-
dunsen, selbstgefällig, studiotechnisch verfremdet. Dazu dieser
Zirkusmusiklärm, ein-
fach befremdlich. Kreuzblende. Ein großer Raum, bunte Scheinwerfer,
viele Menschen,
Musik viel lauter. Auf der Bühne zappelt Tod A, Bassist und Stimme
von Firewater,
ganz real, schlaksig wie eh und je, den weißen Fenderbass im
Anschlag. Mit einer
Mimik, die zwischen Hundeblick und bedrohlich zusammengekniffenen Augen
wechselt,
macht er mit knurriger Stimme, die so manchem Glas auf den Grund gegangen
ist, sei-
nem Unbehagen an der Welt Luft. Das Befremden des Berichterstatters
hält indes noch
ein Weile an: ist er etwa versehentlich bei "Calexico" gelandet? Ein
mit Stetsonhut aus
Stroh bewehrter Akkordeonist und eine zweiköpfige Bläsersektion
orgeln opulente
Akkorde, wenn sie nicht gerade ein markerschütterndes "Ayayayayyy"
anstimmen. Doch
Gemach. Nach und nach kommt das durch, was Firewater auszeichnet: das
kreative Zer-
dehnen eines Rockrhythmusgerüsts mittels respektlosen Zugriffs
auf die Musik der alten
Welt, Walzer, Balkanfolklore, Klezmer. Zum Texmex ist es da kein zu
weiter Schritt.
Ori Kaplan am Saxophon und Dana Leong, der neue superdynamische Posaunist
sind ver-
siert auf jedem Terrain, und auch Justin Asher am Keyboard und Akkordeon,
der diesmal
den Platz von Paul Wallfisch einnimmt, klingt mit lakonisch-hinterhältigen
Melodielinien
typisch nach Firewater, obwohl er optisch so unverschämt gesund-sportlich-gutgelaunt
da-
herkommt, dass es zu der Band gar nicht passen mag.
Firewater, zuletzt 2002 angetreten mit einer bläserlosen Besetzung,
hat sich neu erfunden auf
der Grundlage von Material, das größtenteils schon bei der
ersten Europatour Ende 2000 da
war - das waren Konzerte, die einen nach einem Cocktail aus zynischen
Lyrics, düsterer Lo-
serromantik, aggressiver Getriebenheit der Instrumentalisten und furioser
Tanzbarkeit völlig
geplättet in die Nacht entließen; die Radio-Bremen Übertragung
war vom Sound das rauhste,
was ich bei diesem Sender gehört habe.
Radikale Umbauten gibt es in der Livemusik von Firewater immer:
wenn sich die Band nicht
vor Geschwindigkeit schier überschlägt ("So Long, Superman.",
"Dropping Like Flies") schlägt
sie teils gegenüber dem damals Üblichen das halbe Tempo an.
Irgendwer muss ja auch im hek-
tischen New York die Langsamkeit predigen. Das tun sie allerdings mit
grandioser Wucht, der
knallhart-treffsichere Drummer Tamir Muskat und Bass-Einpeitscher Tod
A sind sichtlich in
ihrem Element und das Publikum ist erst nach drei Zugaben voll bedient.
Die CD, deren Auslieferung sich über ein langes Jahr immer wieder
verschleppt hat, mag sich
noch warmlaufen - oder verstauben.Für den Kenner wirkt das deplatzierte
Perfektionsstreben
und die poppige Eingängigkeit der meisten Stücke ziemlich
seltsam, Liebhaber punkigen Spaß-
Folks dürften mit einem Album von "Gogol Bordello" (es gibt hier
personelle Überschneidungen)
besser bedient sein.
Bleibt zu erwähnen, dass die runderneuerten "Firewater" auch im
Studio zu alter Form aufgelaufen
sind. Auf "Songs We Should Have Written" schlagen sie ihre Zähne
in das Fleisch fremder Kompo-
sitionen - obskure aus dem Repertoire der Sinatras oder gar zu bekannte
wie "Paint It Black" und
drücken ihnen gewohnt knurrig und verspielt ihren eigenen Stempel
auf. Bloß wieder wird auf den
Fanseiten der Veröffentlichungstermin wöchentlich ins Ungewisse
hinein korrigiert.
Rainer Schmidt.