50 Km mit dem Fahrrad um die Ärzte zu sehen? Für zwei unerschrockene
Freunde
und mich kein Problem... 3,5 Stunden später kamen wir dann auch
endlich in Minden
an und suchten als erstes unsere Unterkunft, die nette WG von Radio666-Mode-
rator Dirk und seinem Mitbewohner Henning, auf. An dieser Stelle ein
herzliches
Dankeschön für die Schlafplätze und die nette Verpflegung.
Pünktlich um 19.30 Uhr kamen wir dann auch endlich am wirklich
hübschen Weser-
ufer-Gelände an: im Hintergrund die Weser, links der Hermann und
auch ohne Ein-
trittskarte eine wundervolle Sicht auf die Bühne. Dank letzterer
Eigenschaft waren
auch relativ viele Punks da, die sich mit anderen Leuten zusammen das
Konzert für
Lau von Außen anschauten. Wir schlenderten ums Gelände um
einen weiteren
Kumpel zu finden, dessen Karte ich hatte.
Leider verpassten wir alle vorherigen Vorbands und hörtenn bzw.
sahen von Außen nur
den Auftritt von Oomph!. Ich sage nur: Gut das wir draußen
waren!
Um 21.00 Uhr, es war noch nicht dunkel, legten dann auch endlich Die
Ärzte los! Ein
an den Kult-Zombie-Film "Night of the living Dead" angelehntes Intro,
das im Anfang
von "Nicht allein" endete, eröffnete den Abend und mit den ersten
Textzeilen des Songs,
vom aktuellen Album "Geräusch", fiel dann auch der Vorhang. Das
Publikum ging gut
mit und es folgte der Klassiker "Radio brennt", der besonders bei den
hinteren Reihen gut
ankam. Es folgten Songs von den Alben nach 93, wie z.B. "Ignorama"
und "Hurra",
dann ging man mit "Richtig schön evil", "Ein Mann" und "Deine
Schuld" aber wieder ver-
stärkt zum neuen Album über, wobei letzterer richtig gut
ankam.
Dann freuten sich die älteren Konzertbesucher wieder, denn Klassiker
wie "Für immer"
und "Gwendoline" standen auf dem Programm, bevor Rod und Farin die
Plätze tauschten.
Mit Rod an der Gitarre gab es "Anti-Zombie", das nicht so gut ankam
und den allseits be-
liebten "1/2 Lovesong".
180° Drehung und weiter ging es mit "Meine Freunde", dem Pogokracher
von der "Le
Frisur"-Konzeptplatte. Dann waren "Die klügsten Männer der
Welt" an der Reihe und
Bela nutzen den Song für ein Statement gegen George Bush und die
CDU. Nach dem
nächsten Klassiker "Popstar" wurde mit "Ein Sommer nur für
mich" wieder gegen Nazis
gewunken, dann war nach "Kopfüber in die Hölle" und dem "Schunder-Song"
das regu-
läre Set beendet. Wirklich Feierabend? Natürlich nicht mit
Die Ärzte! Obwohl Farin
sich über Kälte auf der Bühne beschwerte ging es weiter.
Rod nahm Platz am Flügel und es gab erstmal "Dinge von denen",
es folgte "Unrock-
bar" bei dem Bela und Farin mal wieder ihrer Spontanität freien
Lauf liessen und die
ein oder andere Textzeile zur Freude des Publikums dazutexteten.
Vor "Schrei nach Liebe" zeigte Farin sich dann Slime-Textsicher. Er
forderte das Publikum
auf aktiv gegen Nazis vorzugehen und mit Blick auf die anwesenden Polizisten
sagte er
dann "aber ich will ja nicht zur Gewalt aufrufen!". Bela setzte darauf
mit "Wie 68 in West-
Berlin..." ein, was Farin mit "2/3 Heizöl, 2/3 Benzin" mathematisch
korrekt fortführte.
Dann war es an der Zeit für die nächste Umbaupause, in der
sich das Publikum über das
von Band eingespielte "Pausenlied" freuen durfte. Die Ärzte kamen
in den "Rock'n'Roll
Realschule"-Outfits wieder auf die Bühne und es ging unplugged
weiter. "Biergourmet",
"Der lustige Astrotnaut", der mal wieder auf verschiedene Buchstaben
von den Leuten
auf dem Gelände, sowie von den Schnorrern draußen gesungen
wurde. Während das
Publikum noch fleißig weitersang gab es dann auch schon die "Monsterparty".
Nach dem unplugged Teil betrat Bela dann alleine wieder die Bühne
und zwar mit Um-
hang, hohem Kragen und Akkustik-Gitarre. Es gab den "Graf" mit fliegendem
Gitarren-
wechsel als Bela wieder ans Schlagzeug musste.
Das große Finale bildeten wie immer "Westerland" und "Zu Spät",
die natürlich richtig
abgefeiert wurden, und die goldenen Worte von Rod: "Remember I love
you". Dann war
endgültig Feierabend, was die überdimensionale Lichtwand
dem Publikum mit einem
freundlichen "Verpisst euch!" klarmachte.
Zusammenfassend kann man sagen, dass das Konzert auf jeden Fall weitaus
besser war
als das letztjährige in Hamburg (siehe Review).
Zwar haben DÄ immer noch einen Haufen
sinnlosen Schnick-Schnack auf der Bühne, z.B. riesige brennende
Boxentürme etc., trotz-
dem hatte ich das Gefühl, dass wenigstens ein bischen abgespeckt
wurde (vielleicht hatte
ich das Gefühl auch nur weil das Team besser eingespielt war und
deshalb die Umbau-
pausen kürzer waren). Positiv sind auch die Versuche der Ärzte,
durch politische Statements
etwas der Politikverdrossenheit entgegenzusetzen, zu werten. Neben
Statements von der
Bühne gab es auch einen Attac- und einen Amnesty International-Stand,
Gästelistengäste
wurden gezwungen letzterer Organisation 5 Euro zu spenden. Leider schien
ein Großteil
des Publikums für politische Messages nicht sonderlich offen zu
sein.
Trotzdem kam auch dieses Konzert leider nicht an die schöne Zeit
um 1998 ran: Die Leute
die man früher auf fast jedem Ärzte-Konzert getroffen hat
trifft man leider immer seltener,
dafür ist der Anteil an Schicksen nocheinmal nach oben geschraubt
worden. Ein Problem
beim neuen Set ist für mich auch, dass, trotz einiger echter Klassiker
wie "Für Immer",
einfach ein zu großer Teil dem aktuellen Album gewidmet wird.
Das Album war für mich
nicht wirklich überwältigend und am Ende fehlen live dann
einige alte oder mittelalte Knaller,
die zugunsten von einigen mittelmässigen neuen Songs ausgelassen
werden.
Verständlich, dass das neue Material präsentiert wird und
schlecht sind die neuen Songs ja
live auch nicht, aber mir fehlt da einfach ein bißchen das Feeling.
Nach dem Konzert zechten wir dann noch mit Dirk und anderen Studies
in der Uni, um
6 Uhr hatte dann auch der letzte seinen Schlafplatz im Flur gefunden.
Am nächsten Morgen
ging es dann gewohnt frisch und entspannt mit dem Fahrrad zurück
in Richtung Heimat.
Ich beende dieses Review mal mit einem Zitat vom, man höre und
staune, neuen Album:
"Ich dreh die Zeit ein Stück zurück, ich will das alles wie
früher ist!" (aus "Anders als beim
letzten Mal" vom aktuellen Album "Geräusch", übrigens ein
sehr gute Song!)
BB