Kettcar, Grafzahl
01.10.05 - Bielefeld / Ringlokschuppen

Stemwede, mitte August 2002: Auf der Waldbühne des Stemweder
Open Airs macht sich Nachmittags eine Band startklar, die Wiese
vor der Bühne füllt sich etwas, von überfüllt kann aber überhaupt kei-
ne Rede sein. Das Publikum vor der Bühne freut sich auf "die ... But
Alive-Nachfolgeband"; freudige und gespannte Gesichter wohin man
sieht. Obwohl Kettcar kurz zuvor ihre selbstproduzierte Debüt-EP
"solang die dicke frau noch singt, ist die oper nicht zu ende" zum Gra-
tisdownload auf ihre Homepage gestellt hatten, waren einige der An-
wesenden offensichtlich noch nicht im Bilde, welche Art von Musik
das Quintett um Marcus Wiebusch jetzt macht. Mit den ersten Tönen
verzogen sich dementsprechend einige Gesichter: Es gab weder an-
spruchsvollen und politischen Punkrock à la ... But Alive, noch hatte
der Sound der Band irgendetwas mit dem Ska-Punk Marke Rantan-
plan zutun (wo ja Bassist Reimer Bustorff und Marcus Wiebusch zu-
vor gespielt hatten). Andere Teile des Publikums feierten die Band von
Anfang an ab, ich verhielt mich recht neutral: Zwar fand ich die Jungs
soweit ganz nett und der Sound von Kettcar war mal was Neues, je-
doch hat mich das Ganze nicht wirklich überwältigt oder umgehauen.
Ich beschäftigte mich lieber damit, das Bühnenbier der Band zu trin-
ken...

Gut drei Jahre und zwei zwei Alben später sind die Hamburger aus den
CD-Regalen vieler Musikfreunde mit ganz unterschiedlichem musikali-
schen Background kaum noch wegzudenken. Und auch wenn bei mir
zuhause äußerst selten Kettcar läuft und ich die Entwicklung der Band
kaum mitverfolge, dachte ich mir: "Wenn die Jungs schonmal im Ring-
lokschuppen spielen gehtste einfach hin, mal schauen wer noch so da
ist..."

... und es waren erstaunlich viele da. Ich erwartete rund 700-800 Kon-
zertbesucher, die sich in die kleine Halle des Ringlokschuppens quet-
schten sollten. Tatsächlich waren jedoch schon im Vorverkauf ca. 1400
Karten verkauft worden und mit 1800-2000 Konzertbesuchern fand das
Konzert letztendlich natürlich in der großen Halle statt. Da sieht man
mal, was ich für eine Ahnung hab. Als Support gab es Grafzahl, von de-
nen ich aber leider nichts mitbekam, weil ich noch zum Abendbrot ein-
geladen war. Die schon Anwesenden waren anschließend geteilter Mei-
nung... naja immerhin gibt's hier ein Foto:
 
Qualitätsfotos: Jens-Christof Niemeyer / jcniemeyer.de

Nach Marcus Wiebuschs Ansage "Kettcar - Hamburg" legten dann pünkt-
lich um 21 Uhr Kettcar los. Unter dem Banner des bandeigenen Labels
Grand Hotel Van Cleef gab es als Opener den Titelsong der aktuellen Sin-
gle "Deiche". Ich wunderte mich von der Empore aus über das Publikum:
Zwar wurde gekreischt was das Zeug hielt, Bewegung gab es anfangs
allerdings nur begrenzt. Auch der Sound war beim ersten Song noch
nicht wirklich ideal.
Weiter ging es mit "Tränengas im High-End-Leben", ebenfalls von aktuel-
lem Album "von spatzen und tauben, dächern und händen", gefolgt von
der ersten Single-Auskopplung des Albums "48 Stunden". Ein guter Auf-
takt wie ich finde: erstmal die aktuellen Singles raushauen.
Mit "Jenseits der Bikinilinie" und den Hits "Money left to burn", "Balkon ge-
genüber" und "Landungsbrücken raus" gab es anschließend etwas vom
Debüt-Album "du und wieviel von deinen freunden". Mir gefiel die Show
der Jungs echt gut und besonders die Jugendgeschichten von Bassist
Reimer Bustorff trugen zur allgemeinen Belustigung bei.
Das wirklich gemischte Publikum, von vereinzelten, alten Punkrockern
über Leute die ich sonst nur bei Hardcoreshows sehe bis hin zum Disco-
prinzesschen war alles dabei, war mittlerweile warmgelaufen. Das gran-
diose "Handyfeuerzeug gratis dazu" folgte und auch auf "Wäre er echt"
von Debüt-EP und vom Debüt-Album musste niemand verzichten. Der
Gesang von Markus Wiebusch kam teilweise live noch nuscheliger rüber,
als er auf Platte schon klingt, ansonsten konnte man sich über den Sound
nicht mehr beschweren.
Mit "Stockhausen, Bill Gates und Ich", "Anders als gedacht", "Ich danke der
Academy" und "Nacht" wurde das Set beendet. Doch das Publikum wollte
natürlich mehr...
... als ersten Zugabenblock gab es "Ausgetrunken", "Die Ausfahrt zum
Haus deiner Eltern" und das überwältigende "Im Taxi weinen", bei dem in
Bielefeld im BVO-Bus geweint wurde. Als einzelne Zugaben gab es noch
"Genauer betrachtet", ebenfalls von der Debüt-EP, und ganz zum Schluss
"Balu".
 

Qualitätsfotos: Jens-Christof Niemeyer / jcniemeyer.de

Fazit:
Ein wirklich überzeugender Auftritt und auch wenn die CD's bei mir zuhau-
se wahrscheinlich immer noch nicht oft laufen werden, so kann ich mir die
Jungs live doch wirklich gut geben. Das 1,5 Stunden Set beinhaltete alle
Hits der noch jungen Bandgeschichte, die Kommunikation zwischen Band
und Publikum war unterhaltsam und das Ambiente des Ringlokschuppens
genau richtig für diese Band. Hamburger Schule? Indie-Rock? Pop? Wie
auch immer man es nennen will, nächstes Mal bin ich gerne wieder dabei...

BB

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