Interview: Joschi (ZSK) vom 11.05.06

Am 11.05.06 spielten ZSK im Bielefelder Kamp. Im Vorfeld der Show konnte ich mich mit Sänger und Gitarrist Joschi
unterhalten.

B = Basti
J = Joschi

B: Ihr habt euch mit der neuen Platte musikalisch ganz schön entwickelt...
J: ... das hört man gern...
B: ... Wie ist die Platte entstanden? Wie kam es zu der Entwicklung?
J: Wir haben uns vorher gesagt: 1.) wir machen richtig Pause, also spielen wirklich drei Monate keine Shows mehr und
    schreiben nur Songs, damit das Songwriting auch wirklich intensiv wird. 2.) haben wir uns beim Songwriting vorher ge-
    sagt: Ok, wir schreiben jetzt einfach drauf los und werden nie sagen "Nee, ach das und das geht nicht..." , sondern "Mach
    genau das worauf du gerade Bock hast!". Wir haben den ganzen Druck, den wir ja durch die erfolgreichen Vorgängeral-
    ben selber aufgebaut haben, ausgeblendet und wollten einfach gucken was dabei rauskommt. Und genau deshalb war
    diese Album in der Form möglich. Ein Klavierstück wäre früher bei uns wohl nicht so richtig denkbar gewesen, aber dies-
    mal dachten wir "Das passt ganz genau" und haben es dann einfach mit draufgenommen.

B: Man merkt das im Grunde ja auch bei den Texten, die sind weniger plakativ und etwas persönlicher geworden...
J: ... schön dass du das sagst: Ich habe soviele Reviews gelesen, da stand "Ja, die sind so plakativ!" und das verstehe
    ich nicht. Das ist die Platte bei der wir am wenigstens plaktiv ever sind. Die Sache ist einfach eine Spur größer geworden,
    wahrscheinlich waren dass Typen vom Magazinen die unsere Platten vorher garnicht wahrgenommen haben. Es war mir
    beim Textschreiben, dass das ein bißchen weniger plaktiv und etwas durchdachter und durch die Hintertür kommt. Das
    hat auch in den meisten Fällen geklappt

B: Darum auch die vielen deutschsprachigen Songs?
J: Ja, das hat sich damit so ergeben. Ich finde auf Englisch kann man jeden Scheiß singen, das klingt immer gut. Auf Deutsch
    ist das schon etwas schwieriger, aber ich glaube dann kommt es ehrlicher und persönlicher rüber. Es ist dann allerdings
    immer so eine Gradwanderung zwischen "zu plakativ" und "zu verworren": Ich mag auch nicht so Studentenarschtexte wo
    man jeden Scheiß reininterpretieren kann, ich will jetzt keine Bandnamen nennen... aber Tomte, das finde ich voll blöd, wenn
    man das Gefühl hat die wissen selber nicht worum es geht. Ich habe es versucht genau dazwischen hinzukriegen.

B: Politischer Punkrock liegt ja zur Zeit voll im Trend, kommt jedoch bedeutend aufgestylter rüber als früher. Was haltet ihr von
    diesem Hype? Verliert die Musik dadurch an Aussagekraft oder kann man ganz neue Gruppe erschließen und politisieren?
J: Ja, das ist die Frage. Mit Hype meinst du wahrscheinlich so Sachen wie Anti-Flag und Strike Anywhere, das sind ja alles Ami-
    Sachen. Ich meine politische Bands gab's ja schon immer und viele, wie Conflict, waren auch richtig groß. Also das ist genau-
    so eine Phase wie Lagwagon, die auch mal riesig groß waren und jetzt vor 400 Leuten spielen. Ich finde es eigentlich gut, weil
    ich es immer schwierig finde, Kids die 13, 14 oder 15 Jahre alt sind vorzuwerfen "Ja, ihr macht ja nur so einen Hype mit". Ich
    meine irgendwie muss man doch anfangen, ich habe auch die Toten Hosen gehört und dachte "Das ist richtiger Punk" und
    dann kommt man in die Sache rein... Wenn Kids durch Anti-Flag auf die Idee kommen sich für politische Dinge zu interessie-
    ren und auch mal den Mund aufzumachen, dann finde ich das super und habe überhaupt kein Problem damit.

B: Es gibt ja auch in einem gewissen Sinne eine Zweiteilung: Anti-Flag haben ihren Majordeal und sagen "Ja, wir wollen mög-
    lichst viele Leute erreichen", wohingegen Propagandhi dicht machen und Shows mit Bands wie Good Charlotte ablehnen. Du
    würdest dementsprechend eher den Weg von Anti-Flag als sinnvoller erachten?
J: Das muss natürlich jede Band selber wissen. Ich bin nicht der, der sich hinstellt und sagt "Böse Anti-Flag, sind jetzt beim Ma-
    jor". Das können die machen wie sie wollen. Letztendlich finde ich es nicht schlimm. Und was heute Trend ist: Drauf geschis-
    sen! Einige kritisieren ja auch, dass unser Publikum so jung ist. Ich sage dann immer: "Was ist denn dein Problem? Das ist
    doch super!". Ich freue mich voll, wenn so viele junge Kids zu unseren Konzerten kommen. Die sind cool, die wollen wenig-
    stens noch was bewegen. Das sind nicht so 30jährige Sesselfurtzer die einmal im Monat zu einem Punkrockkonzert gehen.
    Ich lese das ja in den Emails: Den Kids ist das richtig wichtig! Ich meine natürlich benimmt man sich in dem Alter noch anders,
    will Autogramme haben, was uns manchmal auch komisch vorkommt, aber das ist echt kein großes Ding! Ich finds cool wenn
    die Kids sich noch für Punk interessieren und nicht für irgendwelchen sexistischen, macho, prollo, gewaltverherrlichenden Hip
    Hop Scheiß oder Playbackbands wie Tokio Hotel.

B: Ihr habt jetzt ja für dieses Album eine super große Promo-Kampagne gestartet. Wo wollt ihr hin? Was ist euer Ziel?
J: In die Top 100... nee, wir haben halt gesagt: Wir machen Vollgas! Und wenn wir diese Street Teams schon haben, und da sind
    gerade 1200 Leute drin, dann nutzen wir das auch. Die Kids wollen ja auch Flyer und Banner und dann haben wir uns gesagt:
    "Ok, dann machen wir das alles, die Kids finden es ja gut und wir finden es auch gut!". Wir haben noch nie soviel Promo ge-
    macht wie zu diesem Album, das liegt natürlich auch daran, dass wir jetzt durch Bitzcore usw. die Möglichkeiten haben. Ich kann
    das Geheimnis lüften: 150 000 Flyer und Sticker per Post zu verschicken ist sehr, sehr teuer.

B: Wieviel Einfluss habt ihr überhaupt noch auf die Promo, was entscheiden Label und Promoagentur? Ich war z.B. überrascht,
    dass auf der Promo-CD ein Aufkleber unter dem Motto "Wenn ihr das ins Netz stellt können wir euch zurückverfolgen" war.
J: Achso, das liegt an unserem Label Bitzcore. Der Sticker hängt mit denen zusammen, war aber natürlich in Absprache mit uns.
    Es ist natürlich ein Problem, gerade für so halbwegs kleine Bands wie uns, wenn unser Album zwei Monate vor Release im
    Netz ist. Jetzt wo es raus ist, haben wir überhaupt kein Problem damit wenn Leute es sich brennen. Aber wenn es weit vor dem
    Release im Netz steht, kaufen es sich viele Kids nicht mehr, die es sich sonst vielleicht gekauft hätten. Und deshalb waren für
    uns Sticker und Sicherheitscode ok. Gerade für kleine Bands macht dieses "vor dem Release schon raus" einiges kaputt, wir
    haben aber generell nichts gegen brennen und mp3. Generell: Wir haben über unsere Promotion fast komplett die Kontrolle. Na-
    türlich haben wir eine Promoagentur, aber es wir fast alles mit uns abgesprochen.

B: Eure Platten sind ja immer super fett produziert. Wie lässt sich das live umsetzen? Wie arbeitet ihr an den Songs bevor ihr auf
    Tour geht?
J: Das ist natürlich live eine ganz andere Situation. Im Studio haben wir teilweise 6 oder 7 Gitarrenspuren, darum haben wir live na-
    türlich einen anderen Sound. Viele Leute sagen sie finden es live geiler, weil es dreckiger, schneller und rotziger ist. Genauso mit
    den Stimmen. Im Studio hat unser Ex-Gitarrist Niki noch einige Backingvocals eingesungen, live ist es einfach diese "voll auf die
    Fresse"-Situation. Ich denke das passt schon so wie es ist.

B: Das ist ja gerade eure größte Headliner-Tour. Wie läuft die Tour bisher? Wieviele Leute kommen?
J: Das läuft ehrlich gesagt ganz gut. Wir sind ja mit drei Bands auf Nightliner-Tour. Diesmal fahren die anderen beiden Bands bei
    uns mit und nicht wir als Support bei einer anderen Band, dementsprechend sind wir endlich mal die coolen Typen, die sagen
    welche Musik im Bus läuft. Unter der Woche hatten wir fast nie weniger als 100 Leute und das ist denke ich ganz gut. An den
    Wochenenden kommen natürlich immer  noch einige mehr. Das Problem ist in diesem Zusammenhang ein wenig, dass unser
    Publikum sehr jung ist. Viele von denen können einfach in der Woche nicht weg, das merken wir natürlich auch. Die können nicht
    einfach an einem Montag abend sagen "Ja Mama, ich fahre zum Punk-Konzert, morgen ist zwar Schule, aber egal...". Da haben
    es wahrscheinlich Bands mit älterem Publikum einfacher, aber so wie das bisher läuft sind wir total zufrieden und dann kommen
    ja demnächst auch die Festivals. Es läuft rund!

B: Die ersten Leute beschweren sich über eure Ticketpreise. Wie kommen 10 € bei ZSK zustande?
J: Ja, das hängt damit zusammen, dass wir zwei Vorbands und den großen Bus dabei haben. Das muss alles bezahlt werden, da-
    rum musste man den Schritt irgendwann gehen. Aber ich denke, dass 10 € für drei Bands noch nicht zuviel sind. Das soll aller-
    dings nicht heißen, dass wir immer solche Preise haben. Unsere Release-Konzerte waren z.B. günstiger und wir werden auch wei-
    terhin, wenn wir alleine unterwegs sind, für weniger Kohle in kleineren Läden spielen. Bei so einer großen Tour geht es aber einfach
    nicht anders.

B: Ihr habt ja dieses "Kein Bock auf Nazis"-DVD-Projekt gemacht. Erzähl doch einfach mal: Wie seid ihr auf die Bands gekommen,
    etc.?
J: Bei der DVD war der Plan das möglichst groß zu machen und das geht nur, wenn du richtig große Namen dabei hast. Über die
    Band haben wir nunmal die Connection zu den anderen Bands, die meisten Bands kannten wir eh schon. Dann haben wir halt alle
    angefragt und sofort positive Rückmeldungen bekommen und direkt losgelegt. Wir hatten sogar noch andere große Bands wie Fet-
    tes Brot und Sportfreunde Stiller, die mitmachen wollten, aber das hat terminlich mit den Interviews nicht hingehauen. Die Aktion hat
    voll durchgeschlagen. Wir haben eine Pressekonferenz gegeben, damit waren wir sogar im Fernsehen, alle sind mitgezogen. Diese
    30 000 DVDs gegen Nazis und Rassismus sind jetzt schon so gut wie verteilt und wir suchen gerade Sponsoren für eine neue Auf-
    lage. Die Rückmeldung war echt wahnsinn.

B: Thema Sponsoren: Ein Sponsor der DVD ist ja auch die Rosa Luxemburg Stiftung. Wie steht ihr zur Stiftung und der dazugehörigen
    Linkspartei?
J: Grundsätzlich arbeiten wir als Band nie mit Parteien zusammen. Ganz oft fragen die Jusos an, dann antworte ich immer: "Hallo liebe
    Jusos, solange im SPD-regierten Berlin noch Leute im Abschiebeknast draufgehen, spielen wir überhaupt nicht für euch, ihr Vögel!".
    Bei der "Kein Bock auf Nazis"-DVD haben wir die Kohlen genommen, weil sie auch von der Stiftung und nicht von der Partei kamen.
    Wir stehen Parteien sehr skeptisch gegenüber: Wir denken, dass so normale Wahlen letztendlich eh nicht wirklich ändern. Man
    braucht wenn eine sehr starke außerparlamentarische Opposition, um Veränderungen erzwingen zu können. Bei den meisten Partei-
    en nimmt es sich eh nichts, wen man nun wählt. Trotzdem muss man sagen, dass es auf der kommunalen Ebene besser ist, viel-
    leicht doch wählen zu gehen. Es ist faktisch so, dass z.B. die Linkspartei dem linken Jugendzentrum vielleicht noch das Geld gibt,
    wohingegen die CDU vielleicht versucht es dicht zu machen. Die Linkspartei meldet auch oft im Osten die Demos gegen Nazisauf-
    märsche an. Vielleicht muss man also manchmal Kompromisse eingehen, auch wenn es im großen und ganzen dieses Konzept von
    Wahlen nicht richtig funktioniert.       

B: Wie geht es mit ZSK weiter? Was wünscht ihr euch?
  J: Jetzt wünschen wir uns erstmal garnichts, weil wir glücklich sind: Die Platte ist draußen, wir sind auf Tour, im Sommer kommen die
    Festivals, im Herbst schauen wir weiter und im Winter wird es wieder eine Tour geben. Du kennst uns ja, wir haben immer irgendwel-
    che Projekt am laufen, wir planen z.B. ganz grob eine Live-DVD. Wir hatten auf der Tour mit den Toten Hosen ein Kamerateam dabei
    und da wird sicher noch irgendwas kommen. Aber bevor jetzt wieder alle Emails schreiben: Wir wissen auch noch nicht wann!

B: Besten dank.
J: Ich bedanke mich!  
 

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