Interview: Sick of it All vom 29.02.04

Am 29.12.03 traten Sick of it All in der Hamburger Markthalle auf. Direkt vor der Show führten Ingo Mon-
eta und ich ein Interview mit den Brüdern Lou (Gesang) und Pete (Gitarre) Koller, an dem Interview nahm
außerdem das Tiefgang Onlinezine teil.

LK = Lou Koller
PK = Pete Koller
BB = BastiB
IM = Ingo Moneta
TG = Tiefgang

BB: Wie läuft die Tour? Was ist schon passiert? Irgendwas interessantes?
PK: Die Shows waren richtig, richtig gut! Viele Shows waren ausverkauft...
LK: ... alle waren ausverkauft...
PK: ... und die Reaktionen waren wirklich gut.
LK: Es ist wirklich cool: Wir sehen viele neue Gesichter, was gut ist. Aber was uns noch mehr motiviert
       ist, dass wir viele alte Gesichter wiedersehen, Leute die nach all den Jahren immer noch zu unseren
       Shows kommen. Interessant? Naja, ich habe mich gestern Abend auf der Bühne auf die Klappe ge-
       legt. Das ist vielleicht nicht interessant, aber lustig. Ich drehte mich um... und schon lag ich vor 1500
       Leuten auf meinem Arsch.

IM: Die Tour war eigentlich  für Oktober 2003 geplant. Warum wurde sie gecancelt?
LK: Das hatte mehrere Ursachen. Ein Grund war, dass es in den Staaten sehr viel schwerer ist eine gute
       Tour zu bekommen und uns wurden halt zwei gute Touren angeboten. Also wogen wir ab und sprach-
       en mit unseren Freunden in der Musik-Industrie hier, mit unserem Booking Agenten usw.... und die
       sagten alle: "Vielleicht solltet ihr den Leuten in Europa mehr Zeit geben euer neues Album kennenzu-
       lernen. Kommt nicht gleich nach dem Release, gebt ihnen ein paar Monate Zeit." Also überlegten wir
       uns erst in den Staaten zu touren und Europa ein bißchen nach hinten zu verschieben. Und das haben
       wir dann getan.

TG: Euer neues Album ist härter, schneller und direkter als der Vorgänger. Warum?
PK: Ich glaube, das war ein Schritt den jeder in der Band machen wollte. Man kann sagen wir sind wüten-
       der, und wollten auch wieder mehr zurück zu den Anfängen. Ich schreibe Musik immer so, als wäre ich
       selber in der Crowd, die sollen fühlen wie wir drauf sind.
TG: Also meint ihr das euer letztes Album "Yours Truly" nicht  das richtige war?
PK: Nein, das war eine andere Zeit! Als wir "Yours truly" geschrieben haben, haben wir uns anders gefühlt.
       Die Songs zeigen halt, wie wir uns da gefühlt haben.
LK: Auf der "Yours Truly" haben wir die Songs nur etwas länger gemacht und ich habe verschiedene Din-
       ge mit meiner Stimme versucht. Ich habe zwar auch Geschrien, aber halt etwas anders. Als wir uns je-
       tzt hinsetzten fanden wir es verrückt, dass die Hardcore Bands in den Staaten heutzutage eigentlich
       mehr Metal machen. Das ist alles Metal. Die haben Punk oder Hardcore Einflüsse, aber sonst ist es
       größtenteils Metal. Wir wollten jetzt ein Album machen, das zeigt dass man hart sein kann ohne Slayer
       zu kopieren.
TG: Das ist jetzt ja gerade sehr populär: Metalcore, der nach Slayer klingt oder nach At the Gates.
LK: Exakt. At the Gates ist eine andere Band die alle kopieren, und einige Leute sagen "Wow, die sind in-
       dividuell!". Nein, sie kopieren At the Gates!  Darum wollten wir jetzt ein schnelles, hartes Album machen,
       dass nicht nach Metal klingt. Nur unser Sound. Wir finden es lustig, dass Jamey von Hatebreed gesagt
       hat, dass "Yours truly" eines seiner liebstens Sick of it all -Alben ist. Ich finde das super.

IM: Ihr habt auf eurer neuen Scheibe mit John Joseph von den Cro-Mags gearbeitet. Ihr habt immer gesagt,
      dass die Cro-Mags einen großen Einfluss auf eure Musik haben. Mittlerweile werdet ihr von Bands wie
      den Distillers genannt, als deren Lieblinsgband. Was haltet ihr davon?
PK: Es ist cool, dass man andere Leute inspirieren kann.
LK: Das ist super. Besonders bei Bands wie den Distillers, die ja ganz anders klingen als wir.
PK: So schreiben wir selbst auch. Ich mag alle Arten von Musik und nehme mir auch immer wieder von an-
       deren Stilrichtungen Einflüsse, trotzdem kommt immer Sick of it all raus. So ist das bei den Distillers
       wahrscheinlich auch. Sie mögen uns, klingen aber nicht wie wir, trotzdem nehmen sie etwas von uns.
IM: Von welche Band nehmt ihr jetzt eure Einflüsse?
PK: Ich? Zu viele. Aus allen Musikrichtungen.
LK: Wir sind schon so lange in der Szene. Wenn wir heute gucken was mit neuen Bands abgeht und wir et-
       was gut finden, dann denken wir uns, dass wir das auch mal probieren möchten, aber am Ende kommt
       immer wieder Sick of it all raus.

BB: Ok, lasst uns das Thema wechseln. Punkvoter. Wie unterstützt ihr die Kampagne und glaubt ihr, dass
       daraus eine neue Bewegung wird, die in Amerika wirklich etwas verändern kann?
LK: Ich hoffe! Fat Mike fragte uns "Seid ihr dabei?" und wir sagten "Ja!", das ist das letzt gehört haben. Ich
       weiss, dass er jetzt eine Tour und kurz vor den Wahlen ein paar große Shows organisiert. Vielleicht wer-
       den wir eine Show in New York spielen, wir hoffen dass er uns auch nach Washington DC einlädt. Es ist
       so, wie Mike gesagt hat. Das Problem der letzten Wahl war, das zwar genügend Menschen gegen Bush
       waren, aber nicht alle denselben Man gewählt haben. Ich persönlich habe die Grünen gewählt. Damals
       habe ich gesagt, dass die Demokraten von denselben Leute unterstützt werden wie die Republikaner.
       Aber dass die nicht so aggressiv sind wie die Republikaner kam mir nicht in den Kopf.  Ich konnte nicht
       ahnen, dass solche Dinge wie der 11. September passieren und die nachher in Afghanistan und im Irak
       einmaschieren. Darum habe ich die Grünen gewählt. Nun ist es aber, so wie Mike es sagt: Werden wir
       Bush los! Setzen wir jemanden ein, der nicht ganz so schlimm ist und hoffen dass er auf die Menschen
       hört.
BB: Was haltet ihr denn von Mr. Kerry? Ist er gut, oder nur weniger schlimm?
LK: Er ist nur nicht so schlimm! Wenn du in Amerika auf einem bestimmt Level Politik machen willst, musst
       du, um zu überleben, um dich mit anderen messen zu können, oft genug im Fernsehen sein. Das alles ko-
       stet Millionen. Und wo kommt das Geld her? Wer hat die Millionen? Die großen Konzerne, die auch die
       Republikaner unterstützen. Sie fragen: "Du willst genau so oft im Fernsehen sein wie die Republikaner?
       Hier sind 50 Millionen Dollar, aber vergiss uns nicht, wenn unsere Fabriken von bestimmten Sachen be-
       troffen sind".
BB: Seht ihr eine Chance, dass das politische System sich wirklich ändern wird? Zur Zeit ist es ja ein Zwei-
        Parteien System, dass eigentlich mehr ein Ein-Partei-System ist. Glaubt ihr, dass Leute wie Nader ir-
        gendwann mal eine Chance haben werden? Oder wird es immer so bleiben?
LK: Also du hast schon mehr Möglichkeiten. Die Grünen sind die, die am ehesten eine Chance haben, sie
       sind nicht soweit vom Wähler weg die Demokraten oder die Republikaner. Du kannst auch die Kommu-
       nisten wählen, allerdings stehen die natürlich nie in den Zeitungen. Sie haben kein Geld, um sich so was
       zu leisten, von Fernsehnauftritten ganz zu schweigen.

TG: Ihr seid schon lange bei Fatwreck. Auf eurer letzten Deutschland-Tour wart ihr mit Rise against! unter-
       wegs, die sind jetzt bei Dreamworks. Bleibt ihr bei Fatwreck? Seid ihr zufrieden?
PK: Fatwreck ist wirklich super zu uns. Und Fat Mike versucht alles, das die Bands von der Musik leben könn-
       en. Andere große Labels, wie die Majorlabals, geben dir Millionen von Dollar, du denkst: "Mensch wir
       sind reich" und zwei Wochen später schmeißen sie dich raus. Das ist auch cool, wenn jemandem ein
       Millionenvertrag geboten wird sagt Fat Mike: "Geht, holt euch deren Geld und kommt dann wieder zu Fat-
       wreck". Das hat er auch zu uns gesagt: "Wenn ihr einen besseren Deal kriegen könnt: Geht, werdet reich,
       kauft euch ein Haus, kommt dann wieder zu Fatwreck und lebt als Band."
TG: Mit "Scratch your Surface" wart ihr damals auf Eastwest...
PK: Der Fatwreck Deal war eigenlich besser als der mit Eastwest.
LK: Damals gab es nicht so große Verträge für Hardcore-Bands, nicht so wie heute auf den Majorlabels.
PK: Sie haben uns aus irgendeinem Grund zu sich geholt. Aber sie wussten nichts über Hardcore oder was
       daraus werden könnte.

TG: "Scratch your Surface" ist einer euer berühmtesten Songs. Ist es manchmal ein Fluch, dass jeder ihn hö-
        ren will. Jeden Abend. Ihr könntet den Song dreimal am Abend spielen und trotzdem würden alle Krei-
        schen.
PK: Also "Scratch your Surface", "Step down",  "Us vs. them" und ein paar weitere Songs spielen wir jeden
       Abend. Manchmal spielen wir bestimmte Songs auf einer Tour garnicht, um sie dann beim nächsten Mal
       wieder zu spielen. Aber viele Leute kommen natürlich auch wegen bestimmten Songs, darum macht es
       dann auch einfach Spass sie zu spielen.
LK: Da sind natürlich noch andere alte Songs, wie "Friend like you", die wir gar nicht mehr üben müssen, die
       können wir ohne Probleme auch so auf der Bühne spielen, weil sie so einfach sind. Wir haben sie schon
       so oft gespielt und die Leute wollen sie immer noch hören.

TG: Im Line up hat sich ja über die Jahre fast nie was geändert. Das ist doch eher selten. Habt ihr da ein Ge-
       heimnis?
LK: Kein anderer würde mit uns arbeiten! (allgemeines Lachen)
PK: Wir lieben es zusammen zuarbeiten. Das ist was wir besitzen. Wir sind nicht zum College gegangen. Wir
       haben keine reichen Eltern. Das ist alles was wir haben. Ich, Lou, Armand und Craig. Das ist alles was
       wir haben. Wir sind alle auf eine eigene Weise Arschlöcher. Ohne Lou könnten wir nicht existieren. Ohne
       mich könnten sie nicht existieren. Ohne Armand und Craig auch nicht. Wir sind zusammen etwas. Unsere
       Familien, Freunde, Freundinnen etc., das basiert alles auf uns vier Jungs zusammen.
LK: Wir haben mal versucht mit anderen zu arbeiten. Vor vielen Jahren verließ Armand für ein Jahr die Band.
       Es war nicht dasselbe. Es klang nicht wie Sick of it all.
PK: Er hat uns auch vermisst. Erst sagte er "Ok, ich versuche einen normalen Job zu machen!" und dann sagte
       er "Fuck this!". Er ist nun mal ein Musiker und er liebt es Musik zu machen.
IM: Craig...
LK: ... ist jetzt seit sieben Jahren bei uns...
IM: ... er hat vorher bei Agnostic Front Bass gespielt. Findet ihr, dass sich euer Stil durch ihn verändert hat?
LK: Nein, er hat schon einen Song für unser erstes Album geschrieben, er war dabei als wir unser zweites
       Album eingespielt haben, wir hingen schon immer zusammen rum. Ich mag es wie er Bass spielt. Er attak-
       kiert mehr mehr als Ritchie es getan hat, das passt besser zu uns.

TG: Gibt es Pläne für eine DVD? Alle machen doch jetzt so was. Wie sieht es bei euch aus?
PK: Wir haben Pläne, aber dann gehen wir nach Hause und sagen: "Ok, see you later..." (lacht). Das darfst du
        mich nicht fragen. Das macht alles Lou: wenn er sagt, wir gehen auf Tour, dann gehen wir auf Tour.
LK: (lacht) Wir versuchen es. Wir haben soviel tolles Material. Wir haben vor zwei-drei Jahren ein Homevideo
       veröffentlich, dass aber nie auf DVD erschienen ist. Also, wenn wir eine DVD veröffentlichen, was wir hoffen,
       dann gibt es sowohl altes wie neues Zeug. Wir haben schöne Liveaufnahmen schon aus den Anfangstagen
       der Band. Das reicht für eine richtig coole Dokumentation unserer Geschichte...
PK: ... und Fatwreck hat mir zu Weihnachten eine digitale Videokamera geschenkt...
TG: ... scheint ein Zeichen zu sein...
LK: Wir wurden auch  von Kung Fu Records gefragt ob wir bei der "The Show must go off" Serie mitmachen
       wollen, da haben schon viele Bands, wie die Vandals, Alkaline Trio und Reel Big Fish, mitgemacht. D.h.
       sie nehmen dich mit in deine Heimatstadt, bauen fünf Kameras auf, machen zwei Shows und schneiden
       das dann zusammen, also wirklich professionell gemacht. Sie haben uns letztes Jahr gefragt...
PK: ... wir sollten es eigentlich machen, aber wir haben gerade schon im CBGB's gespielt...
LK: ... das erste Mal nach sieben Jahren haben wir dort gespielt. Es war großartig! 500 Leute in einem Raum,
       in den eigentlich nur 200 rein dürfen. Nachher stand der Laden richtig ab, weil die Leute einfach abgegan-
       gen sind... (lacht)

TG: Ihr seit nun eine Hardcore Legende. Was ist das für ein Gefühl, wen alle Bands Sick of it all huldigen und
       man doch mal ganz klein angefangen hat.
LK: Es ist schon merkwürdig. Man denkt drüber nach und sagt sich: Ach, das ist doch alles gar nicht wahr. Sieh
       mal, unsere Vorband Bleeding Trough. Die sind doch ganz anders als wir. Die haben einen anderen Sound,
       eine ganz andere Art Musik zumachen. Und als wir zusammen saßen erzählte mir Brandon, der Sänger der
       Band, dass er mit 14 auf einen Sick of it all Konzert war. Und ich dachte: "Meine Güte, sind wir schon so
       alt?" Aber wir haben immer noch dieselbe Energie wie früher. Eines der größten Komplimente, hat uns mal
       ein Freund in New York gemacht. Er sagte, dass wir, wenn wir die Bühne betreten wieder wie Neunzehn-
       oder Zwanzigjährige sind. Wenn wir von der Bühne gehen sind wir alte Männer, aber auf der Bühne sind wir
       jung. Es ist wie ein Jungbrunnen! (allgemeines Lachen)

IM: Ihr seid beide "Straight Edge"?
LK: Pete schon. Ich nicht richtig. Also ich finde es schon gut, aber manchmal trinke ich Wein, wenn ich zu Hause
       bin oder Essen gehe. Das ist es aber auch schon, ich bin kein Fan davon. Manchmal trinke ich Tonic Water
       und schaue zu, wie alle anderen betrunken werden.

IM: In einem Monat fahrt ihr weiter nach Australien, um dort zu Touren...
LK: ... ja für 20 Tage...
IM: ... was macht ihr in der Zwischenzeit und nach der Australien-Tour?
LK: Die ersten beiden Tage werde ich schlafen. (lacht) Dann gehe ich in Fitnessstudio, dass ich körperlich fit
       bleibe, und dann hänge ich mit meiner Freundin rum, sehe meine Familie und meine Freunde. Nach Aus-
       tralien werden wir an einer US-Tour arbeiten, mal gucken was passiert.

BB: Ok, danke für das Interview.
LK: Nicht zu danken, viel Spass bei der Show.
IM: Weiterhin viel Glück und viel Spass in Australien.