Am 29.12.03 traten Sick of it All
in der Hamburger Markthalle auf. Direkt vor der Show führten Ingo
Mon-
eta und ich ein Interview mit den Brüdern
Lou (Gesang) und Pete (Gitarre) Koller, an dem Interview nahm
außerdem das Tiefgang Onlinezine
teil.
LK = Lou Koller
PK = Pete Koller
BB = BastiB
IM = Ingo Moneta
TG = Tiefgang
BB: Wie läuft die Tour? Was ist schon
passiert? Irgendwas interessantes?
PK: Die Shows waren richtig, richtig gut!
Viele Shows waren ausverkauft...
LK: ... alle waren ausverkauft...
PK: ... und die Reaktionen waren wirklich
gut.
LK: Es ist wirklich cool: Wir sehen viele
neue Gesichter, was gut ist. Aber was uns noch mehr motiviert
ist,
dass wir viele alte Gesichter wiedersehen, Leute die nach all den Jahren
immer noch zu unseren
Shows
kommen. Interessant? Naja, ich habe mich gestern Abend auf der Bühne
auf die Klappe ge-
legt.
Das ist vielleicht nicht interessant, aber lustig. Ich drehte mich um...
und schon lag ich vor 1500
Leuten
auf meinem Arsch.
IM: Die Tour war eigentlich für
Oktober 2003 geplant. Warum wurde sie gecancelt?
LK: Das hatte mehrere Ursachen. Ein Grund
war, dass es in den Staaten sehr viel schwerer ist eine gute
Tour
zu bekommen und uns wurden halt zwei gute Touren angeboten. Also wogen
wir ab und sprach-
en
mit unseren Freunden in der Musik-Industrie hier, mit unserem Booking Agenten
usw.... und die
sagten
alle: "Vielleicht solltet ihr den Leuten in Europa mehr Zeit geben euer
neues Album kennenzu-
lernen.
Kommt nicht gleich nach dem Release, gebt ihnen ein paar Monate Zeit."
Also überlegten wir
uns
erst in den Staaten zu touren und Europa ein bißchen nach hinten
zu verschieben. Und das haben
wir
dann getan.
TG: Euer neues Album ist härter, schneller
und direkter als der Vorgänger. Warum?
PK: Ich glaube, das war ein Schritt den
jeder in der Band machen wollte. Man kann sagen wir sind wüten-
der,
und wollten auch wieder mehr zurück zu den Anfängen. Ich schreibe
Musik immer so, als wäre ich
selber
in der Crowd, die sollen fühlen wie wir drauf sind.
TG: Also meint ihr das euer letztes Album
"Yours Truly" nicht das richtige war?
PK: Nein, das war eine andere Zeit! Als
wir "Yours truly" geschrieben haben, haben wir uns anders gefühlt.
Die
Songs zeigen halt, wie wir uns da gefühlt haben.
LK: Auf der "Yours Truly" haben wir die
Songs nur etwas länger gemacht und ich habe verschiedene Din-
ge
mit meiner Stimme versucht. Ich habe zwar auch Geschrien, aber halt etwas
anders. Als wir uns je-
tzt
hinsetzten fanden wir es verrückt, dass die Hardcore Bands in den
Staaten heutzutage eigentlich
mehr
Metal machen. Das ist alles Metal. Die haben Punk oder Hardcore Einflüsse,
aber sonst ist es
größtenteils
Metal. Wir wollten jetzt ein Album machen, das zeigt dass man hart sein
kann ohne Slayer
zu
kopieren.
TG: Das ist jetzt ja gerade sehr populär:
Metalcore, der nach Slayer klingt oder nach
At the Gates.
LK: Exakt. At the Gates ist eine
andere Band die alle kopieren, und einige Leute sagen "Wow, die sind in-
dividuell!".
Nein, sie kopieren At the Gates! Darum wollten wir jetzt ein
schnelles, hartes Album machen,
dass
nicht nach Metal klingt. Nur unser Sound. Wir finden es lustig, dass Jamey
von Hatebreed gesagt
hat,
dass "Yours truly" eines seiner liebstens Sick of it all -Alben
ist. Ich finde das super.
IM: Ihr habt auf eurer neuen Scheibe mit
John
Joseph von den Cro-Mags gearbeitet. Ihr habt immer gesagt,
dass die
Cro-Mags
einen großen Einfluss auf eure Musik haben. Mittlerweile werdet ihr
von Bands wie
den Distillers
genannt,
als deren Lieblinsgband. Was haltet ihr davon?
PK: Es ist cool, dass man andere Leute
inspirieren kann.
LK: Das ist super. Besonders bei Bands
wie den Distillers, die ja ganz anders klingen als wir.
PK: So schreiben wir selbst auch. Ich
mag alle Arten von Musik und nehme mir auch immer wieder von an-
deren
Stilrichtungen Einflüsse, trotzdem kommt immer Sick of it all
raus. So ist das bei den Distillers
wahrscheinlich
auch. Sie mögen uns, klingen aber nicht wie wir, trotzdem nehmen sie
etwas von uns.
IM: Von welche Band nehmt ihr jetzt eure
Einflüsse?
PK: Ich? Zu viele. Aus allen Musikrichtungen.
LK: Wir sind schon so lange in der Szene.
Wenn wir heute gucken was mit neuen Bands abgeht und wir et-
was
gut finden, dann denken wir uns, dass wir das auch mal probieren möchten,
aber am Ende kommt
immer
wieder Sick of it all raus.
BB: Ok, lasst uns das Thema wechseln. Punkvoter.
Wie unterstützt ihr die Kampagne und glaubt ihr, dass
daraus
eine neue Bewegung wird, die in Amerika wirklich etwas verändern kann?
LK: Ich hoffe! Fat Mike fragte
uns "Seid ihr dabei?" und wir sagten "Ja!", das ist das letzt gehört
haben. Ich
weiss,
dass er jetzt eine Tour und kurz vor den Wahlen ein paar große Shows
organisiert. Vielleicht wer-
den
wir eine Show in New York spielen, wir hoffen dass er uns auch nach Washington
DC einlädt. Es ist
so,
wie Mike gesagt hat. Das Problem der letzten Wahl war, das zwar
genügend Menschen gegen Bush
waren,
aber nicht alle denselben Man gewählt haben. Ich persönlich habe
die Grünen gewählt. Damals
habe
ich gesagt, dass die Demokraten von denselben Leute unterstützt werden
wie die Republikaner.
Aber
dass die nicht so aggressiv sind wie die Republikaner kam mir nicht in
den Kopf. Ich konnte nicht
ahnen,
dass solche Dinge wie der 11. September passieren und die nachher in Afghanistan
und im Irak
einmaschieren.
Darum habe ich die Grünen gewählt. Nun ist es aber, so wie Mike
es sagt: Werden wir
Bush
los! Setzen wir jemanden ein, der nicht ganz so schlimm ist und hoffen
dass er auf die Menschen
hört.
BB: Was haltet ihr denn von Mr. Kerry?
Ist er gut, oder nur weniger schlimm?
LK: Er ist nur nicht so schlimm! Wenn
du in Amerika auf einem bestimmt Level Politik machen willst, musst
du,
um zu überleben, um dich mit anderen messen zu können, oft genug
im Fernsehen sein. Das alles ko-
stet
Millionen. Und wo kommt das Geld her? Wer hat die Millionen? Die großen
Konzerne, die auch die
Republikaner
unterstützen. Sie fragen: "Du willst genau so oft im Fernsehen sein
wie die Republikaner?
Hier
sind 50 Millionen Dollar, aber vergiss uns nicht, wenn unsere Fabriken
von bestimmten Sachen be-
troffen
sind".
BB: Seht ihr eine Chance, dass das politische
System sich wirklich ändern wird? Zur Zeit ist es ja ein Zwei-
Parteien System, dass eigentlich mehr ein Ein-Partei-System ist. Glaubt
ihr, dass Leute wie Nader ir-
gendwann mal eine Chance haben werden? Oder wird es immer so bleiben?
LK: Also du hast schon mehr Möglichkeiten.
Die Grünen sind die, die am ehesten eine Chance haben, sie
sind
nicht soweit vom Wähler weg die Demokraten oder die Republikaner.
Du kannst auch die Kommu-
nisten
wählen, allerdings stehen die natürlich nie in den Zeitungen.
Sie haben kein Geld, um sich so was
zu
leisten, von Fernsehnauftritten ganz zu schweigen.
TG: Ihr seid schon lange bei Fatwreck.
Auf eurer letzten Deutschland-Tour wart ihr mit Rise against! unter-
wegs,
die sind jetzt bei Dreamworks. Bleibt ihr bei Fatwreck? Seid
ihr zufrieden?
PK: Fatwreck ist wirklich super
zu uns. Und Fat Mike versucht alles, das die Bands von der Musik
leben könn-
en.
Andere große Labels, wie die Majorlabals, geben dir Millionen von
Dollar, du denkst: "Mensch wir
sind
reich" und zwei Wochen später schmeißen sie dich raus. Das ist
auch cool, wenn jemandem ein
Millionenvertrag
geboten wird sagt Fat Mike: "Geht, holt euch deren Geld und kommt
dann wieder zu Fat-
wreck".
Das hat er auch zu uns gesagt: "Wenn ihr einen besseren Deal kriegen könnt:
Geht, werdet reich,
kauft
euch ein Haus, kommt dann wieder zu Fatwreck und lebt als Band."
TG: Mit "Scratch your Surface" wart ihr
damals auf Eastwest...
PK: Der Fatwreck Deal war eigenlich besser
als der mit Eastwest.
LK: Damals gab es nicht so große
Verträge für Hardcore-Bands, nicht so wie heute auf den Majorlabels.
PK: Sie haben uns aus irgendeinem Grund
zu sich geholt. Aber sie wussten nichts über Hardcore oder was
daraus
werden könnte.
TG: "Scratch your Surface" ist einer euer
berühmtesten Songs. Ist es manchmal ein Fluch, dass jeder ihn hö-
ren will. Jeden Abend. Ihr könntet den Song dreimal am Abend spielen
und trotzdem würden alle Krei-
schen.
PK: Also "Scratch your Surface", "Step
down", "Us vs. them" und ein paar weitere Songs spielen wir jeden
Abend.
Manchmal spielen wir bestimmte Songs auf einer Tour garnicht, um sie dann
beim nächsten Mal
wieder
zu spielen. Aber viele Leute kommen natürlich auch wegen bestimmten
Songs, darum macht es
dann
auch einfach Spass sie zu spielen.
LK: Da sind natürlich noch andere
alte Songs, wie "Friend like you", die wir gar nicht mehr üben müssen,
die
können
wir ohne Probleme auch so auf der Bühne spielen, weil sie so einfach
sind. Wir haben sie schon
so
oft gespielt und die Leute wollen sie immer noch hören.
TG: Im Line up hat sich ja über die
Jahre fast nie was geändert. Das ist doch eher selten. Habt ihr da
ein Ge-
heimnis?
LK: Kein anderer würde mit uns arbeiten!
(allgemeines
Lachen)
PK: Wir lieben es zusammen zuarbeiten.
Das ist was wir besitzen. Wir sind nicht zum College gegangen. Wir
haben
keine reichen Eltern. Das ist alles was wir haben. Ich, Lou, Armand und
Craig. Das ist alles was
wir
haben. Wir sind alle auf eine eigene Weise Arschlöcher. Ohne Lou könnten
wir nicht existieren. Ohne
mich
könnten sie nicht existieren. Ohne Armand und Craig auch nicht. Wir
sind zusammen etwas. Unsere
Familien,
Freunde, Freundinnen etc., das basiert alles auf uns vier Jungs zusammen.
LK: Wir haben mal versucht mit anderen
zu arbeiten. Vor vielen Jahren verließ Armand für ein Jahr die
Band.
Es
war nicht dasselbe. Es klang nicht wie Sick of it all.
PK: Er hat uns auch vermisst. Erst sagte
er "Ok, ich versuche einen normalen Job zu machen!" und dann sagte
er
"Fuck this!". Er ist nun mal ein Musiker und er liebt es Musik zu machen.
IM: Craig...
LK: ... ist jetzt seit sieben Jahren bei
uns...
IM: ... er hat vorher bei Agnostic
Front Bass gespielt. Findet ihr, dass sich euer Stil durch ihn verändert
hat?
LK: Nein, er hat schon einen Song für
unser erstes Album geschrieben, er war dabei als wir unser zweites
Album
eingespielt haben, wir hingen schon immer zusammen rum. Ich mag es wie
er Bass spielt. Er attak-
kiert
mehr mehr als Ritchie es getan hat, das passt besser zu uns.
TG: Gibt es Pläne für eine DVD?
Alle machen doch jetzt so was. Wie sieht es bei euch aus?
PK: Wir haben Pläne, aber dann gehen
wir nach Hause und sagen: "Ok, see you later..." (lacht). Das darfst
du
mich nicht fragen. Das macht alles Lou: wenn er sagt, wir gehen auf Tour,
dann gehen wir auf Tour.
LK: (lacht) Wir versuchen es. Wir
haben soviel tolles Material. Wir haben vor zwei-drei Jahren ein Homevideo
veröffentlich,
dass aber nie auf DVD erschienen ist. Also, wenn wir eine DVD veröffentlichen,
was wir hoffen,
dann
gibt es sowohl altes wie neues Zeug. Wir haben schöne Liveaufnahmen
schon aus den Anfangstagen
der
Band. Das reicht für eine richtig coole Dokumentation unserer Geschichte...
PK: ... und Fatwreck hat mir zu Weihnachten
eine digitale Videokamera geschenkt...
TG: ... scheint ein Zeichen zu sein...
LK: Wir wurden auch von Kung Fu
Records gefragt ob wir bei der "The Show must go off" Serie mitmachen
wollen,
da haben schon viele Bands, wie die Vandals, Alkaline Trio
und Reel Big Fish, mitgemacht. D.h.
sie
nehmen dich mit in deine Heimatstadt, bauen fünf Kameras auf, machen
zwei Shows und schneiden
das
dann zusammen, also wirklich professionell gemacht. Sie haben uns letztes
Jahr gefragt...
PK: ... wir sollten es eigentlich machen,
aber wir haben gerade schon im CBGB's gespielt...
LK: ... das erste Mal nach sieben Jahren
haben wir dort gespielt. Es war großartig! 500 Leute in einem Raum,
in
den eigentlich nur 200 rein dürfen. Nachher stand der Laden richtig
ab, weil die Leute einfach abgegan-
gen
sind... (lacht)
TG: Ihr seit nun eine Hardcore Legende.
Was ist das für ein Gefühl, wen alle Bands Sick of it all
huldigen und
man
doch mal ganz klein angefangen hat.
LK: Es ist schon merkwürdig. Man
denkt drüber nach und sagt sich: Ach, das ist doch alles gar nicht
wahr. Sieh
mal,
unsere Vorband Bleeding Trough. Die sind doch ganz anders als wir.
Die haben einen anderen Sound,
eine
ganz andere Art Musik zumachen. Und als wir zusammen saßen erzählte
mir Brandon, der Sänger der
Band,
dass er mit 14 auf einen Sick of it all Konzert war. Und ich dachte:
"Meine Güte, sind wir schon so
alt?"
Aber wir haben immer noch dieselbe Energie wie früher. Eines der größten
Komplimente, hat uns mal
ein
Freund in New York gemacht. Er sagte, dass wir, wenn wir die Bühne
betreten wieder wie Neunzehn-
oder
Zwanzigjährige sind. Wenn wir von der Bühne gehen sind wir alte
Männer, aber auf der Bühne sind wir
jung.
Es ist wie ein Jungbrunnen! (allgemeines Lachen)
IM: Ihr seid beide "Straight Edge"?
LK: Pete schon. Ich nicht richtig. Also
ich finde es schon gut, aber manchmal trinke ich Wein, wenn ich zu Hause
bin
oder Essen gehe. Das ist es aber auch schon, ich bin kein Fan davon. Manchmal
trinke ich Tonic Water
und
schaue zu, wie alle anderen betrunken werden.
IM: In einem Monat fahrt ihr weiter nach
Australien, um dort zu Touren...
LK: ... ja für 20 Tage...
IM: ... was macht ihr in der Zwischenzeit
und nach der Australien-Tour?
LK: Die ersten beiden Tage werde ich schlafen.
(lacht)
Dann gehe ich in Fitnessstudio, dass ich körperlich fit
bleibe,
und dann hänge ich mit meiner Freundin rum, sehe meine Familie und
meine Freunde. Nach Aus-
tralien
werden wir an einer US-Tour arbeiten, mal gucken was passiert.
BB: Ok, danke für das Interview.
LK: Nicht zu danken, viel Spass bei der
Show.
IM: Weiterhin viel Glück und viel
Spass in Australien.