Muff Potter - Von Wegen
Label: Huck's Plattenkiste / Universal
(CD)
Huck's Plattenkiste / Green Hell (LP)
VÖ: 07.10.05
Tracks: 12
Format: CD (+Bonus-DVD in der limitierten
Auflage) / LP
Links: http://www.muffpotter.net
Schublade: Punk / Pop / Rock
Verdammte Axt, zur Zeit werden meine Lieblingsbands
einfach mit Majordeals aus-
gestattet, nach
Anti-Flag sind
nun auch Muff Potter an der Reihe. Die übliche Empö-
rung inklusive "Ausverkauf"- und "Buh"-Rufen
blieb bei den Fans der Wahlmünstera-
ner bisher allerdings aus. Warum es keinen
Sturm der Entrüstung gibt? Das liegt
zum einen mit Sicherheit daran, dass Muff
Potter schon 2000 mit der grandiosen
"Boardsteinkantengeschichten" den ein
oder anderen Hardliner vergrault und sich
Kreise erschlossen haben, die nicht zwangsläufig
majorkritisch sind; zum anderen
liegt es aber wohl vor allem daran, dass
sich die Jungs nicht für einen Knebelvertrag
verbogen haben, sondern mit einem fertigen
Album das Interesse des Majors Uni-
versal geweckt haben und diese
Platte nun über das hauseigene DIY-Label Huck's
Plattenkiste in Kooperation mit
dem Major auf den Markt bringen.
Meine Neugier auf "Von Wegen" stieg, als
ich im voraus hörte, dass die Songs in nur
drei Monaten geschrieben worden sind.
Bei den beiden Vorgängeralben "Boardstein-
kantengeschichten" und "Heute wird gewonnen,
bitte" hatte mich immer das, im
langwierigen Songwritingprozess entstandene,
Arrangement der Songs überzeugt,
ich fragte mich im voraus also zweifelnd
und gespannt, ob die Jungs ähnlich gutes
auch in so kurzer Zeit auf die Beine stellen
könnten. Um den authentischen Sound
des Majordebüts musste man sich im
voraus allerdings keine Sorgen machen, denn
aufgenommen wurde wie immer mit Nikolai
Potthoff in Bielefeld.
Songbesprechungen:
Mit "alles nur geklaut" eröffnet
die A-Seite der Vorab-7" das Album. Mich überzeugt
der Song vor allem aus zwei Gründen:
Zum weil sich meine Angst bezüglich der kur-
zen Songwritingphase als unbegründet
erweisst, der Song kommt zwar sehr direkt
daher, aber gerade diese authentische
Art kann mich überzeugen, es gibt definitiv
mehr auf die Fresse, als ich es vom Majordebüt
der Jungs erwartet hätte; zum an-
deren weil sich Muff Potter auch
textlich immer noch ganz vorne zeigen: "was wirkt
wie eine wilde sause / ist nur die suche
nach einem zuhause / es gibt echlechte no-
ten für gutes betragen / wir können
auch ohne spass alkohol haben".
Doch auch auf die typischen Rockhymnen
Marke Muff Potter muss man auf "Von
Wegen" nicht verzichten. Mit "wecker?
tickt." präsentieren sich die Jungs in den Stro-
phen angepisst wie eh und je ("meine generation
zum sterben bereit / die meisten
tun mir nichtmal leid"), wagen im Refrain
aber den Blick nach vorne. Wenn ich die
Augen schließe, sehe ich mich bei
diesem Song schon begeistert auf dem näch-
sten Konzert lauthals mitgröhlen.
Ähnlich hymnisch geht es in
"alles was ich brauch" zur Sache. Während der Stro-
phe treten hier die Instrumente leicht
in den Hintergrund, so dass sich Nagels einzig-
artige, leicht whiskey-angekrazte Stimme
genießen lässt. Die Zeilen "zwischen 'ne-
ver surrender' und 'licence to ill' /
liegt alles was ich weiß und alles was ich will" sor-
gen bei mir jedes Mal wieder für
ein Grinsen.
Das folgende "punkt 9" ist ebenfalls auf
der Vorab-7" und dem "I can't relex in deut-
schland"-Sampler enthalten. Der Song ist
ein Statement gegen Nationalismus und
Fahnenschwänkerei in der Popmusik.
So eine deutliche Sprache habe Muff Potter
schon lange nicht mehr gefunden, diesen
Text dürften selbst Leute verstehen, die
mit anderen Texten der Münsteraner
ihre Probleme haben. Die für Muff Potter-Ver-
hältnisse ungewohnt direkten Worte
werden musikalisch entsprechend nach vorne
gehend untermalt.
"Antifamilia" kann mich nicht überzeugen
und ist für mich somit der erste Schwach-
punkt der Platte. Dem Song fehlt leider
das gewisse Etwas und auch wenn es im Re-
frain ordentlich zur Sache geht, ist die
Nummer an sich doch recht langweilig.
In "von wegen (aus gründen)" kommt
dann auch Jule März, die ja zur "Heute wird ge-
wonnen, bitte" bereits einige Vocals beigesteuert
hat, mal wieder zu Wort. Der Song
ist eine zweistimmige Popnummer mit E-Piano-,
Melodica- und Orgeleinsatz, Nagel
spricht den Text mehr, als dass er ihn
singt. Der Song dümpelt mir ein bißchen zu
sehr vor sich hin und ist für den
Titeltrack eindeutig zu schwach. Ein sehr ruhige Sa-
che, die aber bestimmt auch ihre Anhänger
finden wird.
Das kleine Loch der Platte wird mit "wenn
dann das hier" vorerst überwunden: Eine
gelungene, rockige Popnummer. Wieder nicht
so überzeugend ist "feuerficker". Der
ebenfalls recht ruhige Song verfügt
zwar über einen guten Refrain, klingt mir in den
Strophen jedoch ein wenig zu monoton.
"22 gleise später" dürften einige
von euch schon von der "Rohe Weihnachten"-Tour
mit der Terrorgruppe und The
Movement kennen. Ich war auf dem Konzert in Mün-
ster (nein, nicht im Gleis 22 sondern
im Skaters Palace) und fand, dass der Song
live auf keinen Fall mit den Hits
der Band mithalten konnte und auch auf Platte will
er bei mir nicht richtig zünden.
Mit "bring dich doch selbst nach haus"
findet die Platte dann endgültig zu alter Stär-
ke zurück. Wieder eine ruhige Nummer,
diesmal allerdings eine die einfach hängen
bleibt und überzeugen kann. Nagels
Stimme hat man in der Form bisher eher selten
gehört, die Instrumentalbegleitung
sowie der Text sind recht minimalistisch gestaltet.
Lässig und zugleich schwer.
"born blöd" wartet mit einem Textausschnitt
aus T.C. Boyles "Jäger und Sammler"
und wird im Background auch wieder von
Jule März unterstützt. Gefällt mir gut die
Nummer, der Song fließt einfach.
Einen wirklich nochmal richtig guten Abschluss
findet die Platte mit "den haag". Der
Refrain "wenn die liebe ein schlachtfeld
ist / dann ist das hier dein den haag" sagt
wohl alles über den Inhalt des Songs.
Ein sehr gefühlvoller Song, sind Muff Potter
auf dieser Platte an einigen Stellen härter
als erwartet, so sind sie an vielen Stellen
auch noch ruhiger geworden, als sie es
schon auf den Vorgängeralben stellenweise
waren. In diesem Song passt es einfach.
Kommen wir noch kurz zur Bonus-DVD: Die
enthält einen 17 minütigen Comicfilm
von Akupower, der sehr nett ein
Lesung von Nagel und den Song "alles nur geklaut"
illustriert. Desweiteren enthält
die Scheibe ein Making-Of vom "alles nur geklaut"-Vi-
deo und den nicht ganz so gelungenen Clip
zu "alles was ich brauch"
Fazit:
Auch wenn die Platte zwischendurch etwas
schwächelt legen Muff Potter ein wirk-
lich gelungenes Majordebüt vor. Die
Scheibe hat härtere Seiten als man es erwarten
hätte, aber auch Teile die noch ruhiger
sind als man es von den beiden Vorgängern
schon kannte. Durch die kurzer Songwritingphase
kommen die Songs teilweise sehr
straight und auf den Punkt daher, was
aber nicht schadet, sondern eher positiv als
Abwechsung von den sonstsehr detaillierten
Arrangement zu sehen ist. Vor allem die
ersten vier Songs können überzeugen.
Trotz allem toppt die Platte aus meiner (heu-
tigen) Sicht weder die "Boardsteinkantengeschichten",
noch die "Heute wird gewon-
nen, bitte". Wünschen wir Muff
Potter viel Glück mit diesem guten Album, sie haben
es sich verdient. Ich bin gespannt wie
die Songs live zünden, einige Highlights sind
auf jeden Fall dabei.
BB
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